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Hamlet

von William Shakespeare
Deutsch von Andrea Schanelec und Jürgen Gosch

Termine

Als Prinz Hamlet vom Studium aus Wittenberg nach Dänemark zurückkehrt, ist sein Vater tot und seine Mutter Gertrud bereits neu vermählt — mit Claudius, dem Bruder des toten Königs. „Etwas ist faul im Staate …“. Hamlet durchschaut den Königsmord und will Rache am neuen König üben. Als Claudius überführt ist, zögert Hamlet jedoch, ihn zu töten. Claudius lässt Hamlet bespitzeln und nach England schicken, dieser lässt sich jedoch nicht einfach abwimmeln. Hamlet findet keinen Halt und beginnt seinerseits zu töten.

„Hamlet“ steht seit mehr als 400 Jahren zwischen Macht und Ohnmacht, Politik und Philosophie, Wahnsinn und Wissenschaft, Vergangenheit und Zukunft und fordert je neue Interpretationen heraus.

PRESSESTIMMEN

Hamlet im digitalen Zeitalter


Das Theater Vorpommern bringt gelungene Inszenierung auf die Bühne / Weitere Aufführungen wird es in Stralsund und Greifswald geben

Seit mehr als 400 Jahren feiert Shakespeares ,,Hamlet’’ auf den Bühnen der Welt Triumphe. Der Grund für die ungebrochene Popularität liegt in der Behandlung zeitloser Menschheitsthemen. Das Theater Vorpommern hat nun mit diesem ,,Hamlet“ eine durchaus gelungene Inszenierung in Greifswald auf die Bühne gebracht.

Zur Handlung von „Hamlet“: Es ist etwas faul im Staate Dänemark. Der König ist ermordet worden. Sein Mörder ist der eigene Bruder Claudius. Dieser hat nun den Thron bestiegen und zudem dessen Frau Gertrud geheiratet. Hamlet, der junge Prinz von Dänemark, wird vom Geist seines Vaters aufgefordert, den Mord zu sühnen. Hamlet entlarvt mithilfe einer Schauspielergruppe, die die Ermordung des Vaters in Szene setzt, den Mörder Claudius. Der verlässt den Ort der Aufführung in panischer Hast. Zur letzten Konsequenz, der Bestrafung des Täters, ist Hamlet jedoch nicht fähig. Auch in dieser Frage ist er der intellektuelle Zauderer.

Eine Haltung, die er auch gegenüber Ophelia, Tochter des königlichen Chefberaters Polonius, zeigt. Von inneren Widersprüchen zerrissen, unergründlich, zaudernd und sich immer wieder hinterfragend, ist er nicht in der Lage, die Liebe Ophelias dauerhaft zu erwidern. Als Hamlet ihren Vater versehentlich tötet und zudem von Claudius nach England geschickt wird, verfällt Ophelia dem Wahnsinn und nimmt sich das Leben. König Claudius versucht, sich Hamlets mithilfe eines Mordkomplotts, in den auch Ophelias Bruder Laertes verwickelt ist, zu entledigen. Dabei kommt es zur Katastrophe. Alle Hauptfiguren sterben. Fortinbras, der norwegische Kronprinz, betritt am Ende die Bühne. Er verkörpert die hoffnungsvolle Zukunft für die dänische Monarchie.

Das Greifswalder Theater nutzte in seiner Neubearbeitung des Stückes von Angela Schanelec und Jürgen Gosch den immensen Spielraum, den William Shakespeare auch folgenden Generationen ließ. Unter der Regie von Reinhard Göber gelang die Transformation der Tragödie ins digitale Zeitalter. Das Ensemble beweist, dass das Stück auch heute noch jung, frisch und zeitgemäß und zudem in der Lage ist, aktuelle Probleme zumindest anzureißen. Die da unter anderem sind: das Verhältnis von Familie und Staat, Liebe und Hass, Vertrauen und Verantwortung. Fragen, die angesichts des Rechtsrucks in der Gesellschaft, der Umweltkrise und kriegerischer Konflikte auch die Greifswalder Aufführung unterschwellig aufwirft. Wohltuend modern kommt der Greifswalder ,,Hamlet’’ daher. Auch, weil sich die Bearbeiter nicht sklavisch an die Vorlage halten, sondern eine moderne Fassung vorlegen. Schon der Einstieg in die Tragödie macht die unkonventionelle Herangehensweise deutlich: Jäh unterbricht Ballermann-Musik das getragene Akkordeonspiel Ophelias. ,,Ekstase ohne Grenzen. Wir wollen dancen!’’, dröhnt es durch den Raum. Ein Hinweis auf den intensiven psychischen Ausnahmezustand, in dem in den nun folgenden 165 Minuten die shakespearischen Figuren leben werden. Eine extreme Situation, in der sich besonders Hamlet, dargestellt von Tobias Bode, fast dauerhaft befindet.

Er gibt den ewigen Zauderer und Zweifler in glaubhafter Art und Weise. Er bringt zudem seine Jugendlichkeit so erfrischend ein, dass der Zuschauer ihn durchaus als einen Heutigen akzeptiert. Amüsant sein häufiges Agieren mit dem Handy, dessen Display sogar die Rolle des väterlichen Geistes übernimmt und ihm so den Königsmörder offenbart.

Ebenso erfrischend mimt Friederike Serr die Rolle der Ophelia als den Typ einer selbstbestimmten, emanzipierten Frau von heute, die ihr Recht auf Liebe einfordert. Auch das Königspaar, Claudius (Markus Voigt) und Gertrud (Claudia Lüftenegger), beeindruckt mit seinem Spiel. Das gegenseitige hemmungslose Begehren wird damit als eines von mehreren Mordmotiven – neben Machthunger und Besitzgier – nachvollziehbar. Dass beide letztlich scheitern werden, ist in ihrer Darstellungsweise überzeugend angelegt. Hubertus Brandt gibt Ophelias Bruder Laertes als charismatisch und zielstrebig, zeichnet ihn aber ebenso als überstürzt, als er den Tod seines Vaters an Hamlet rächen will. Köstlich Stefan Hufschmidt als Rosencratz und Jan Bernhard als Guildenstern. Beide treiben die Handlung oft mit komödiantischen Mitteln voran.

Das Publikum dankte allen Mitwirkenden mit minutenlangem Applaus. Werner Geske (Ostseezeitung, 14.10.2019)

 
Theatermachen. Kämpfen. Sein.
Kopfsprung in die blinde Praxis

Vorlauf in Sachen „Hamlet" haben sie in Greifswald durchaus: 1964 inszenierte hier Adolf Dresen das Stück mit Jürgen Holtz in der Hauptrolle. Nach wenigen Vorstellungen wurde die Inszenierung abgesetzt, denn zu sehr hatte Dresen den Gedanken forciert, dass die Zeit der Politik eine andere sei als die der Kunst. Da verläuft jener Riss, in dem Hamlet, der junge Intellektuelle, vor der Macht stehend immer nur versinken kann. Enttäuschte Idealisten sind immer nur wieder neues Futter für die gefräßige Machtmaschine.

Der Anspruch hier am Theater Vorpommern ist hoch, das Unternehmen gewagt. Shakespeares „Hamlet" und Heiner Müllers „Hamletmaschine" als Doppelpremiere, allerdings ohne jene dramaturgische Verschränkung, in der Müller im Wendewinter 1989/90 diese Inszenierung am Deutschen Theater in Berlin herausbrachte. Der am Ende siegreiche Fortinbras wechselte im Schatten der Realgeschichte die Gestalt: von Stalin zur Deutschen Bank. Ein Stück ernüchternde Prosa über die Unspielbarkeit der Tragödie in einer Gegenwart, deren Banalität keinen Anfang und kein Ende zu kennen scheint: „Die Hähne sind geschlachtet. Der Morgen findet nicht mehr statt."

Johann Jörg hat dem „Hamlet" im Großen Haus in Greifswald eine bemerkenswerte Bühne gebaut: wie ein Schiffskiel mit Ausblick auf die Brandung vor uns oder auf ein mittels Meeresvideo animiertes Aquarium. Rechts und links öffnen sich Klappen: Die Bar zur Selbstbedienung hat immer geöffnet, selbst dann, wenn dies hier die Titanic sein sollte, mit Kurs auf den Meeresgrund.

Regisseur Reinhard Göber hat für seine Inszenierung einen Hamlet, der den Abend trägt. Tobias Bode (in Lars Werners „Weißer Raum" der Neonazi Patrick) zeigt intellektuelle Schärfe bei gleichzeitig traumverlorener Naivität, in der sich Hamlet verirrt. Ein Gespensterseher, der vor sich selbst davonlaufen möchte und stattdessen zum Angstbeißer mutiert. Angriff als längst verlorenes Traumspiel für die Kulisse. Theater, auf dem Theater zelebriert, nicht als Lehrstück, sondern als Vehikel gegen die eigene innere Leere, die ihn, den Verfolger, selbst verfolgt. Das ist sie, die „Mausefalle", aber wer ist die Maus — Stiefvater und neuer König Claudius (Markus Voigt), in Hamlets Augen ein Schänder der zur Hure mutierten Mutter, Königin Gertrud (Claudia Lüftenegger), oder Polonius (Mario Gremlich), der Vater von Ophelia (Friederike Serr)? Wohl eher er selbst, der von Gespenstern verfolgte Verfolger.

Göber aktualisiert den Habitus der Spielenden geradezu grell, signalisiert damit, dass derartige Macht-Wahn-Schaukämpfe tagtäglich stattfinden und man dabei nicht mehr weiß, ob die Toten am Ende virtuell oder real am Boden liegen. Besiegte sind sie allemal, der eigenen Hybris zum Opfer gefallen. Aber die Geschichte ist trotz Handy und bunter Animation immer noch da und nicht weniger grausam als zu den Zeiten Shakespeares. Verschoben, das zeigt die Inszenierung sehr gut, hat sich etwas anderes: Die Macht ist in die anonymen Strukturen eingewandert, die hilfreichen Mordgesellen Rosencrantz und Guildenstern stehen als kafkaeske Figuren vor uns, jovial maskierte Liquidatoren, von wem auch immer geschickt. Göber über die Aktualität des „Hamlet": „Ich bin sicher nicht der Einzige, der den Eindruck hat, wir hätten seit einigen Jahren einen veränderten Aggregatzustand der medieninduzierten Aufgeregtheit erreicht. Die Heftigkeit und Giftigkeit der Invektiven in Europa, ja im ganzen Westen und, wie man so sagt, im Rest der Welt hat zugenommen, und zwar in alle Richtungen: links gegen rechts, der rechte Rand gegen den linksliberalen Mainstream, oben gegen unten, Geschlecht gegen Geschlecht." Man spielt die Übersetzung von Jürgen Gosch und Angela Schanalec, das ist gut, das trägt den Abend. Der dennoch hinzugegebene verbale Füllstoff, Zeitgeist-Slang, dagegen stört, hat etwas von billiger Ranschmeiße, die diese solide Inszenierung nicht nötig hat.

Die parallel zum „Hamlet" entstandene „Hamletmaschine" auf der Studiobühne im Rubenowsaal, die auch in der zweiten Vorstellung fast ausverkauft ist (das spricht für die neue Theaterbegeisterung, die das Theater Vorpommern in den letzten beiden Jahren ausgelöst hat), verblüfft durch ihren unerwarteten Gestus. Was ist das? Eine extreme Zuspitzung des Kommentars bis zur Selbstaufhebung, eine befremdliche Müller-Parodie oder gar seine vorsätzliche Schändung? Man ist verwirrt und lässt sich doch fast überwältigen von diesem unerwartet respekt-losen Spiel mit der „Hamletmaschine", als finde diese zur bloßen Belustigung des Publikums auf einem Rummelplatz statt.

Eine Harlekinade! Regisseurin Annett Kruschke, Volksbühnen-trainiert, fürchtet sich nicht vor den Abgründen des Stoffes. Sie verordnet ihren vier Schauspielern (zweimal Ophelia, zweimal Hamlet) vor allem eins: Aktion. Und so platzen Felix Meusel, Feline Zimmermann, Susanne Kreckel und Ronny Winter als fröhlich-grausamer Zug herein, als gelte es, die Splatter-Version eines Klassikers aufzuführen, das Intellektuellendenkmal vom Sockel zu holen. Das wirkt ein bisschen wie eine Mischung aus „Alice im Wunderland" und „Kinder des Olymp". Mit staunensrund aufgerissenen Augen und Mündern stehen sie wie böse Clowns vor dem Text, der ihnen offenbar in einer fremden Sprache geschrieben ist. Sie sprechen ihn nicht, sie spielen ihn. Werfen die Worte gegen die Wand und horchen, wie sie verstummend zu Boden fallen. Die „Hamletmaschine" szenisch aufgefasst, das scheint tatsächlich irgendwie avantgardistisch, jedenfalls völlig unerwartet. Man lässt auch ausgiebig die Luft aus Luftballons, oh-oh-oh!, das quietscht, ratscht und klingt mitunter geradezu obszön.

Was passiert, wenn man Müller eins zu eins beim Wort nimmt. Eine Eulenspiegelei? Bloßes BLABLA? Am Anfang steht einer der beiden Hamletdarsteller mit dem Rücken zum Publikum, im Hintergrund eine Animation: Familie bei Tisch. So geradezu privatim beginnt es mit „Familienalbum": „Ich war Hamlet. Ich stand an der Küste und redete mit der Brandung BLABLA, im Rücken die Ruinen von Europa." Ein Rückblick auf einen großen Mann, den man auf den Boden des Alltags zurückzuholen gedenkt, wann auch immer innerhalb des surrealen Traumstücks, das hier stattfindet. Großartig die dritte Ophelia, die Frau, die sich hier wegen einem wie Hamlet nicht länger im Fluss begraben lassen soll (will), eingespielt per Video; Ursula Werner, eine Wissende, wie jedes ihrer Worte, die zugleich Müllers Worte sind, offenbart.

Die Geschichte des in die Irre gehen-den Helden Hamlet ist beim ersten Mal eine Tragödie, beim zweiten ein Satyrspiel — und was folgt dann? Eine postmoderne Zeitschleife? Die Frage wird ausgesprochen, aber nicht beantwortet. Mit seiner „Hamletmaschine" stellte sich Heiner Müller 1977 bewusst auf beide Seiten der Front im Kalten Krieg. Sein Platz sei über der Barrikade, so Müller. Das kann man Konvergenztheorie nennen, ein Verhaken der sich gleich und gleicher (damit auch kleinbürgerlicher) werdenden Systeme, die ihre feindlichen Ritualen beibehalten, während doch die Synthese beider unmittelbar bevorsteht. Damit auch der Tod der Tragödie, um nicht gleich generell von Geist zu sprechen? Die Politiker nehmen nun den Schauspielern ihre Rollen weg, eine andere Art von Schauspiel beginnt, wie Müller es voraussagt, eines, das im „Kopfsprung in die blinde Praxis" mündet.

Nein, einen Abschluss, gar einen runden, kann „Hamlet" im Zusammenstoß mit „Hamletmaschine" nicht finden. Dass es An-nett Kruschke gar nicht erst versucht, spricht für ihre szenische Intelligenz, mit- der sie Müller beim Wort nimmt, seinem Selbstkommentar: „Inszenierung ist, das verstehen die Kritiker auch darunter, dem Publikum eine Bedeutung aufzudrängen, das ist Inszenierung. Deswegen ist keine Inszenierung eigentlich das Ziel. Die Bedeutung ist Sache des Publikums." So betrachtet ist das Experiment „Hamlet"/„Hamletmaschine" unbedingt gelungen. Die Worte rumoren fortgesetzt wo-anders, weiter unerlöst.

Gunnar Decker, Theater der Zeit, Dezember 2019